Es war ein großes Fest

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Das 2. Festival der Freien Kulturszene Bochum hat zehn Tage lang eine ganze Stadt belebt

Foto: fidena

Zehn Tage lang hat die Stadt die Präsentation von künstlerischer Vielfalt erlebt und in Überraschungen, Freundlichkeit und Miteinander geschwelgt, wie es seinesgleichen sucht.

KünstlerIinnen, MusikerInnen, PerformerInnen, Galerien, Theater und Kulturschaffende haben für dieses ungewöhnliche Festival ihre Ressourcen gebündelt und mehr als 300 Veranstaltungen an 80 Orten ermöglicht.

Dabei konnten viele BesucherInnen ihre Stadt noch einmal ganz neu entdecken – auch jenseits der Innenstadt. Veranstaltungsorte wie die Bakery in Weitmar-Bärendorf (eine alte Zwiebackbäckerei), das Q1 in Stahlhausen, das zur temporären Galerie umgewandelte Traditionslokal Uhle oder die Halle 205 – freiRaum für Kunst und Kultur (der ehemalige Pferdestall der Brauerei Müser) haben viel Überraschendes bereit gehalten.

Der Kunstkiez Bärendorf hat ein ambitioniertes Programm gezeigt, das von Installation, Performance, Theater bis zu hochkarätigen Wort/Musikbeitragen wie dem Programm »Schade Scheherazade« oder der Performance »O no, ONO!« reichte.

Zu den Höhepunkten zählte auch die innovative Konzertreihe »Kläääsch« auf den Dächern der Stadt, die der Jazzsaxophonist Florian Walter für die bobiennale kuratiert hat. Hoch über dem Bermuda3eck, hinter dem weit sichtbaren BOCHUM-Schild auf einem wunderbaren (und selten zugänglichen) Dachgarten den – teilweise hoch-experimentellen Klängen – zweier JazzmusikerInnen zu folgen (Fré & Heni Hyunjung Kim), bleibt unvergessen.

Der Spagat ist gelungen: Die bobiennale bewegt sich zwischen konsequenter Niederschwelligkeit und Publikumsnähe, und einem anspruchsvollen, ambitionierten Kulturangebot mit überregionaler Beteiligung und Beachtung.

Die kostenlosen Führungen beim »Kunstmix3000« durch 50 Galerien und Ateliers mit Bus, Rad oder zu Fuß, der OpenAirTag mit einem breiten interaktiven Angebot für alle Altersgruppen auf dem Springorumradweg und der bobiennale-Langendreer-Tag haben nach dem Motto: Kunst in jedem Kiez den Menschen die Stadt nahe gebracht.

Gleichzeitig waren viele Programme hochpolitisch, wie etwa die Fotoausstellung »Aus nächster Nähe – Ethische Fotografie«: 50 Fotografien der engagiertesten internationalen BildreporterInnen unserer Zeit, die weltweit Schicksale und schreiendes Unrecht dokumentieren und zugleich Zeugnisse unserer Verletzlichkeit sind. (Noch bis 7. Juli in der Witteler Passage zu sehen).

Auch die Lesung der Texte von Kindern und Frauen aus der Zeitschrift »nid – Neu in Deutschland« hat auf ebenso berührende wie erfrischende Weise die Erfahrungen von Flucht, Verlust von Heimat, Neu-Ankunft und die Absurditäten in der Begegnung mit dem deutschen Alltag spürbar gemacht.

Die BiennalemacherInnen betreiben Stadtmarketing vom Allerfeinsten, wenn sie beispielsweise den niederländischen Künstler Bart Lodewijks mit seinem Projekt »Bochum Drawings« durch die Stadtteile schicken und er die hier lebenden Menschen zur
Kontaktaufnahme mit zeitgenössischer Kunst, aber gleichzeitig auch zur Wahrnehmung und Wertschätzung ihrer Umgebung einlädt. Lodewijks wird das Festival heute um 17 Uhr in der Kortumgesellschaft offiziell mit einem »Schlussstrich« beenden.

...doch auch nach dem offiziellen Ende gibt es noch zwei Theater-Vorstellungen und einige Ausstellungen sind auch noch über das Festival hinaus zu sehen – die Kunst schläft ja nie.

Die bobiennale ist zu einem Festival gereift, dessen Programm sich aus der Kraft der lokalen Kunstschaffenden und deren weit spannenden Kontakten zu einer ambitionierten Biennale, wenn auch (noch) ohne Pavillons entwickelt hat. Und das hoffentlich auch 2021 seine Fortsetzung erleben wird.

Stefanie Görtz